|

Sprecher:
Hans Clarin
Hans Paetsch
Peter Folken
Ingrid Andree
Helmut Lange
Michael Hinz
Horst Stark
|
Beschreibung: Nicht
daß er der erste gewesen wäre, der die Gänsehaut
erfunden hat, und nach ihm, von ihm haben es viele andere gelernt,
Herz und Hirn in Ängste zu versetzen - unsere Aufnahme zeigt,
daß er immer aller Gruselpoeten Meister geblieben ist: Edgar
Allan Poe. Die Logik hat er auf seiner Seite: rasiermesserscharf
und mit aller Konsequenz bis zum Schlußpunkt der Geschichte
entwickelt. Und dieser Punkt müßte rot sein, blutrot.
Da ist der willensstarke, energische Mister Roderick Usher, der-Held
im "Untergang des Hauses Usher". Dem, wovon er "weiß,
daß es so kommen muß", steht er ohnmächtig
gegenüber. Er fällt "den Schrecken zum Opfer, die
er selbst vorausempfunden hatte". Und wir, die wir zum Zuhören
gezwungen werden, die tatenlosen, fast gelähmten Zeugen,
rnüssen, ohne eingreifen zu können, dem schreckensvollen
Untergang beiwohnen.
Gnadenlos, mit mathematischer Präzision läuft auch die
zweite Geschichte vom "Froschhüpfer" ab, indem
der Narr sich aus seiner ursprünglichen Ohnmacht befreit,
sich grausam rächt und am Ende triumphiert. Dieses innere
Räderwerk seiner Geschichten macht verständlich, daß
man Poe, den "Erfinder der Kurzgeschichte", heute als
den Erzvater der Detektivgeschichte feiert - und übrigens
auch als Ahnherrn der amerikanischen Literatur.
Wie seine beiden Gruselgeschichten, so ist auch
das Leben des Dichters Edgar Allan Poe von einem Hauch Unheimlichkeit
überzogen. Er wurde 1809 als Sohn eines Schauspielerehepaares
in Boston geboren. Der Vater verschwand bald, die Mutter starb
bereits 1811. Ein reicher Kaufmann nahm sich seiner an; aber der
nüchterne Geschäftsmann hatte an dem exzentrischen Jungen
keine Freude. Das Militär sollte dem dichtenden Studenten
den nötigen Halt geben; aber Poe entflieht der engen Fessel.
Er wird Journalist und Schriftsteller, erlebt eine kurze Zeit
des Eheglücks mit einer Kusine, der Tochter der Schwester
seines Vaters. Ein Glück, das freilich durch Entbehrungen
getrübtwird: Mit seinen Dichtungen hat er wechselhaften Erfolg,
mit einer eigenen Zeitschrift, dem "Broadway Journalist",
erleidet er sogar Schiffbruch. Dann steht der erst Neununddreißigjährige,
der um Verständnis und Anerkennung ringt, plötzlich
wieder allein: Die Schwindsucht, die schon seine Mutter dahinraffte,
fordert auch seine Frau. Energie und Fleiß lähmt der
Alkohol, der einzige Tröster. Zwei Jahre später, 1849,
stirbt der mutlose, hochsensible Dichter - man sagt, im Delirium
...
Vierzig Jahre ist Edgar Allan Poe geworden. Dem Schrecken, den
er erfunden hat, muß er selbst gegenübergestanden haben,
ohne sich wehren zu können.
Dauer: ca. 45 Minuten
Bestellnummer der LP: E278
Hörsprobe
(40 kbps | 16kHz | stereo)
|