Zeit der Unübertrefflichkeit
SPIEGEL ONLINE - 12. Februar 2003, 14:19
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Hörspiel-Kult
John Sinclair jagt
Die drei ???
Von Marc Hairapetian
In den sechziger Jahren revolutionierte ein neues, tönendes
Medium die Kinderzimmer: die Hörspielplatte. Heute genießen
Serien wie "Hui Buh" oder "Fünf Freunde"
Kultstatus, während sich Neuproduktionen aus dem Horror-
und Krimi-Genre einen festen Platz in der Popkultur erobern und
sich vom reinen Audio- zum Multimedia-Spektakel wandeln.

Lübbe-Held John Sinclair:
Reifere Zielgruppe erwünscht
Es gibt Dinge mit denen man aufwächst, die schmeißt
man einfach nicht weg: Dazu gehören neben dem Kuschelteddy
aus dem Gitterbett in ganz besonderem Maße die ersten Abenteuer-
und Märchenschallplatten und -cassetten. Wehe den Eltern,
die diese geliebten Heiligtümer ihrer Sprösslinge eines
Tages dennoch arglos entsorgen! Ein Familiendrama von unüberschaubaren
Dimensionen wäre unvermeidlich. Bis vor kurzem blieb als
letzte Hoffnung zur Wiederbeschaffung nur noch der Gang zum Flohmarkt.
Heutzutage tut es manchmal schon wieder der Blick in den CD-Backkatalog
diverser Plattenfirmen.
"Pumuckl" (Karussell) und "Perry Clifton"
(Maritim), "Hui Buh" (Europa) oder "Räuber
Hotzenplotz" (Karussell) stehen längst wieder in den
Regalen von Kaufhäusern und Plattenläden. In den vergangenen
zehn Jahren haben die klassischen Hörspiele der sechziger
bis achtziger Jahre - nach einem in den Achtzigern einsetzenden
Rückgang der Auflagenzahlen - eine erstaunliche Renaissance
erlebt. Der Boom äußerte sich zunächst darin,
dass eine wachsende Zahl von Sammlern zwischen 18 und 38 Jahren
ihre "alte Liebe" neu entdeckte und bereit war, für
gebrauchte Hörspiel-LPs und MCs mehr als das zehnfache des
früheren Ladenpreises zu bezahlen.
Während man früher ungern zugab, noch immer zum Einschlafen
Heikedine Körtings "Die Hexe Schrumpeldei" oder
Gerd von Hasslers "Kasperle ist wieder da: Wer kann den besten
Pudding kochen?" (beide Europa) zu hören, solidarisiert
sich die riesige Fan-Gemeinde anno 2003 mehr denn je im Internet.
Besonders amüsant ist hierbei die "hoerspielhoelle.de,"
in der "bekloppte Hörspiele" (so die gleichnamige
Rubrik) derartig überschwänglich verrissen werden, dass
man am liebsten sofort losrennen möchte, um sie sich zu Gemüte
bzw. zu Gehör zu führen. Darauf reagierten nun endlich
auch die Plattenfirmen nicht nur mit Neu-, sondern auch mit Wiederveröffentlichungen
von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenhörspielen.
Krimi-Klassiker "Die drei
???":
Ewiger Bestseller
Im literarischen Bereich boomt der Erfolg von Hörbüchern
seit Jahren - von "Oskar Werner liest Rilke" (BMG) bis
hin zu "Heike Makatsch liest Mary Poppins" (Kein &
Aber). Audiobook-Marktführer im Segment trivialer Unterhaltung
ist nach wie vor das in Quickborn bei Hamburg ansässige Europa-Label
der ehemals unabhängigen Firma Miller International. Seit
Jahren ist man ein Teil der Bertelsmann-Tochter BMG-Ariola und
setzte nach einem anfangs breit gefächerten Programm sehr
lange fast ausschließlich auf die Fortsetzungen der immens
erfolgreichen Kinder-Detektivserien "TKKG" und "Die
drei ???" (allein die erste Folge "Der Superpapagei"
aus dem Jahr 1979 verkaufte sich bis heute über 500.000-mal).
Erst 1999 besann man sich auf sein kultträchtiges Repertoire.
"Die Rückkehr der Europa-Klassiker" begann mit
der Science-Fiction-Serie "Perry Rhodan" und wurde mit
der neonfarbenen "Gruselserie" (von H.G. Francis) fortgeführt.
Fans der ersten Stunde waren allerdings frustriert: Während
die Tonspuren namhafter Sprecher wie Horst Frank oder Günther
Ungeheuer unangetastet blieben, wurden auf Grund eines Rechtsstreites
in Millionenhöhe die beliebten Titelmelodien des Komponisten
Carsten Bohn durch neue Stücke ersetzt. Neben der Kinderreihe
"Hui Buh" kam es inzwischen auch zur Wiedergeburt nicht
immer jugendfreier Krimi- und Horrorserien wie "Edgar Wallace"
oder "Macabros" von Dan Shocker. Ende Januar erschienen
zusätzlich zwei neue Folgen des Geister-Agenten "Larry
Brent" - produziert im Jahre 2002 mit den Originalsprechern
aus den achtziger Jahren.

Konrad Halver- Sprecher-Legende Halver:
"Nichttoter" mit großen Plänen
Die Entstehungsgeschichte von Europa ist so abenteuerlich wie
seine akustischen Spannungsgeschichten. Der amerikanische Industrielle
Dave Miller war zu Beginn seiner Bilderbuchkarriere 1961 auf die
Idee gekommen, in Deutschland Musik für amerikanische Warenhäuser
zu produzieren. Die Zielgruppe seiner Firma Miller International
bildeten ausgewanderte Europäer. Paradoxerweise wurde der
eigentliche Boom jedoch in Deutschland ausgelöst, wo sich
Miller rasch zum "Pionier der preiswerten Langspielplatte"
entwickelte. Mit fünf Mark pro Vinylscheibe konnte man das
Preisgefüge der großen Plattenfirmen schnell erschüttern.
Zuerst wurde überwiegend Musik mit dem Mammut-Orchester "101
Strings" produziert, bis dann 1965 die erste Kinderplatte
"Der Struwwelpeter" erschien. Die Aufnahmen fanden im
Garten der im letzten Jahr verstorbenen Erzähler-Legende
Hans Paetsch statt - um ihn herum befanden sich die Kinder der
Nachbarschaft.
Europas Erfolgsstory ist abgesehen von Paetsch untrennbar mit
einem zweiten Namen verbunden: Konrad Halver. Nach dem frühen
Tod von Sieglinde Dziallas, die unter dem Pseudonym Claudius Brac
ihre Skripte inszenierte, machte der künstlerische Gesamtleiter
Dr. Andreas Beurmann 1968 den damals erst 24-jährigen Schauspieler
und Sprecher zum Hausregisseur. Der ungekrönte "Märchenprinz
der elektronischen Großmutter", der einen auf der Rückseite
des Plattencovers jungenhaft anlächelte, schuf mit geringem
Budget, aber viel Herzblut das Hörprogramm und adaptierte
neben Märchen und Kindergeschichten auch Weltliteratur wie
Dumas' "Der Graf von Monte Christo", Stevensons "Flaschenteufelchen"
oder Poes "Der Untergang des Hauses Usher". Als Krönung
gab er in der Karl-May-Reihe zusammen mit Michael Poelchau das
stimmlich kongeniale Blutsbrüderpaar Winnetou und Old Shatterhand.
Allen Fans bleibt unvergesslich, wie Halver zu den Klängen
von Dvoraks 9. Symphonie in "Winnetou III, 2. Folge"
sein Indianerleben mit folgenden Worten aushauchte: "Charly,
ich glaube an den großen weißen Manitu. Ich bin ein
Christ".
Hörspiel-Klassiker "Hui-Buh":
Mit Hans Clarins Stimme zum Millionenseller
Immer wieder konnte der neben dem 1990 verstorbenen Berliner Produzenten
Kurt Vethake wohl profilierteste deutsche Kinder- und Jugendhörspielmacher
Film-, Theater- und TV-Größen ins Tonstudio locken,
darunter Will Quadflieg, Hellmut Lange, Wolfgang Kieling, Ingrid
Andree und Gisela Trowe. Mit Hans Clarin gab es allerdings bei
der ersten "Hui Buh"-Folge Ärger: "Nach der
Aufnahme wollte sich der misstrauische Star (auch Stimme des "Pumuckl")
auf Grund schlechter Erfahrungen nicht mit dem Hinweis auf die
Überweisung der Gage begnügen und schnappte sich die
Kartons mit den aufgenommenen Bändern", erzählt
Halver. "Erst als Europa-Boss Beurmann mit Bargeld erschien,
rückte Clarin das Material wieder heraus." Zum Glück:
"Hui Buh", das "einzig amtlich zugelassene Gespenst
auf Schloß Burgeck", avancierte mit seinen Fortsetzungen
zum Millionenseller.
Halver, der das Europa-Hörspielprogramm mit seinem Partner
Peter Folken maßgeblich mitentwickelte, wurde später
in einer Hochglanzbroschüre des Hauses schlicht weggelassen,
vielleicht weil man nachhaltig entäuscht über seinen
Fortgang zur "Wort"-Abteilung der BASF in den siebziger
Jahren war. Als Fans später bei Miller, wo ihn Beurmanns
Gattin Heikedine Körting längst ersetzt hatte, nach
ihm fragten, bekamen sie sogar die Auskunft, er sei tot. Halver
hingegen, der mit Charles Regnier und Werner Hinz das erste deutsche
"Dracula"-Hörspiel produzierte, legt größten
Wert auf die Feststellung, er sei ein "Nichttoter",
der noch einiges vorhabe.
Kürzlich legte der junge Dortmunder Medienunternehmer Carsten
Hermann vom reaktivierten Maritim-Label, einst Europas größter
Konkurrent, Halvers zweite "Dracula"-Adaption "Jagd
der Vampire" neu auf. Für den dort ebenfalls erschienenen
KZ-Thriller "Zeit der Unübertrefflichkeit" des
bayrischen Dichters Wolfsmehl wurde Halver, der nun Ende Februar
nach 20-jähriger Karl-May-Abstinenz in "Satan &
Ischariot" wieder mit sanftem, aber bestimmten Timbre Winnetou
sprechen soll, soeben für den in der Branche hochgeschätzten
Hörspiel-Award in den Kategorien "bester Sprecher",
"beste Regie" und "bestes Hörspiel" nominiert.

Science-Fiction-Held "Commander
Perkins":
Erstaunliche Renaissance
Den Preis als beste Hörspiel-Serie wird im März laut
Insidereinschätzungen allerdings eine andere Produktion erhalten:
"John Sinclair - Der Anfang", womit erstmals die Dominanz
von Europa-Produktionen durchbrochen scheint. Auch kommerziell
hat der smarte Geisterjäger gewaltig aufgeholt. 650.000 CDs
und MCs der Bastei-eigenen Serie "John Sinclair 2000"
sind inzwischen über den Ladentisch gegangen, darunter "Der
Anfang", das mit bislang 50.000 verkauften Einheiten das
erste Hörspiel in den deutschen Popmusikcharts (zehn Wochen
platziert, höchste Notierung Rang 36). Sicherlich eine geringe
Zahl gegenüber 270 Millionen verkaufter Heftromane und Taschenbücher
der Vorlage von Trivialautor Jason Dark, die seit 1978 den Markt
überschwemmen, aber immerhin ein Anfang...
Die Frage, ob Sinclair nun den Publikumsrenner "Die ???"
killt, stellt sich nicht von ungefähr. "Ich denke nicht,
dass Horror auf längere Sicht den Krimi verdrängt, sondern
lediglich ergänzt", glaubt Marc Sieper, Produktions-
und Vertriebsleiter von Lübbe-Audio, um allerdings selbstbewusst
fortzufahren: "In der Tat haben wir mit Sinclair eine Art
Revival losgebrochen. Falls die etablierten Krimi-Reihen rückläufig
sein sollten, denke ich eher, dass dies etwas mit der Produktion
zu tun haben könnte. Wir haben mit WortArt und Oliver Döring
(Buch und Regie) ein sehr junges Team, das keine Altlasten mit
sich herumtragen muss." Eine Anspielung auf die alten Sinclair-Hörspiele
des geheimnisumwitterten Tonstudios Braun, das nie die Namen der
Sprecher abdruckte.

Halver-Hörspiel "Winnetou":
"Charly, ich glaube an den großen weißen Manitu"
Für Sieper funktioniert Sinclair nach dem James-Bond-Erfolgsrezept:
"1. Das Böse will die Weltherrschaft an sich reißen.
2. Das Böse und das Gute schleichen auf einander zu und und
um einander herum. 3. Showdown mit bunten Knalleffekten und Getöse.
4. Das Gute siegt immer". Sieper verweist gern auf die besonderen
Merkmale der neuen Sinclair-Hörspiele: "Im Gegensatz
zur Konkurrenz arbeiten wir viel und gerne mit Synchronsprechern.
Wir verwenden Geräusche und Sounds, die aus Hollywood kommen
und Musik, die durchaus auch als Filmmusik Verwendung findet."
Es gibt allerdings nicht wenige Kenner, die den alten Tonstudio-Braun-Aufnahmen
mit ihren stummfilmartigen Kinoorgel-Musiken mehr Charme zugestehen.
Die Bastei-Audioproduktion wendet sich nicht mehr vorrangig an
Jugendliche, sondern hat mit seinen Geisterjäger-Spektakeln
ein reiferes Publikum im Blick: Auf den Covern ist die Altersangabe
"ab 16" angegeben, obwohl alle Sinclair-Hefte und Hörspiele
von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende
Schriften als unbedenklich freigegeben worden sind. Da sind die
Europa-Hörspiele häufig von anderem Kaliber: Die "Macabros"-Reihe
ist viel expliziter in der Gewaltdarstellung. Und schon Konrad
Halvers zweiteilige "Schatz im Silbersee"-Adaption von
1968 blieb überraschend unzensiert, was sicherlich zum Faszinosum
in unzähligen Kinderzimmern beitrug: So darf man lauschen,
wie dem Tierbändiger Venuti (Rolf Jahncke) von seinem nur
scheinbar zahmen Panther der Kopf abgerissen und "zu Splittern
und Brei" zermalmt wird. Auch der Anführer der bösen
"Tramps", der rote Colonel (Peter Folken), muss seine
Missetaten teuer bezahlen: Gnadenlos werden ihm vom Schatzhüter
Häuptling Großer Bär (Curt Timm) erst beide Ohren
abgeschnitten, später endet er schrecklich verstümmelt,
"nackt und verkehrt aufgehangen" am Marterpfahl der
Utahs.
Michael Schneider von Universal Music möchte gerne vermeiden,
"dass Horror-Geschichten Kindern Angst und Albträume
bereiten." Er kann - ähnlich wie der Münchener
HörVerlag mit "Harry Potter" - auf ein pädagogisch
unbedenkliches Repertoire von Bestsellern der Kinderliteratur
zurückgreifen, um mit scheinbar einfach erzählten, inhaltlich
jedoch tiefergehenden Geschichten von Otfried Preußler ("Krabat"),
Michael Ende ("Momo"), Astrid Lindgren ("Pippi
Langstrumpf") oder Paul Maar ("Eine Woche voller Samstage")
nur die bekanntesten zu nennen.
Vor dem berüchtigten Download der Hörspiele aus dem
Internet ist der Branche bisher nicht allzu bange: "Je älter
die Zielgruppe eines Produktes ist, desto mehr besteht diese Gefahr.
Kinder hingegen wollen den Original-Tonträger mit Original-Cover",
sagt Schneider, während "John Sinclair"-Produzent
Sieper sogar einen "Vorteil gegenüber der Popmusik"
sieht: "Unsere Stücke sind mindestens 45 Minuten lang.
Dies in der Relation zum Verkaufspreis von 4.95 Euro für
eine MC lässt dann viele lieber zum Original greifen. Ich
bin mir sogar sicher, dass Zuwächse möglich sind, da
wir noch lange nicht alle potenziellen Fans- und Verkaufsstellen
erreicht haben."
Europas Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Nach dem
großen Erfolg der "??? - Masters of Chess"-Tournee
im vergangenen Herbst, bei der sich die Sprecher Oliver Rohrbeck,
Jens Wawrczek und Andreas Fröhlich als Hobby-Detektive Justus
Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews auf der Bühne als Hörspiel-Stars
zum Anfassen entpuppten, hat man mit "Europa on Tour"
ein völlig neues Veranstaltungskonzept für Hörspiele
entwickelt: "Wir visualisieren zum ersten Mal ein Hörspiel
für Erwachsene", begeistert sich die Produktmanagerin
Hiltrud Fitzen. "Mit Bild-Projektionen, Lichtstimmungen und
Surround-Effekten wird das Hörspiel auf den ganzen Raum ausgedehnt
und erlebbar, als wäre der Zuschauer- und Hörer selbst
mitten in der Handlung." Zum 25jährigen Jubiläum
der Krimiserie "Larry Brent" soll "Das schwarze
Palais von Wien" im März eine audiovisuelle Blutspur
durch Deutschland ziehen.
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